Eine neue Religion

von Hans-Erwin Schotten

 

Deutschland hatte es im 20.Jahrhundert mit einer schrecklichen Ideologie zu tun. Der Nationalsozialismus nahm die Menschen freiwillig oder auch gezwungen in seinen Bann. Adolf Hitler nannte sich selbst Erlöser und Retter. Er sah sich als von der Vorsehung geschickt mit dem Willen ausgestattet, einen neuen Menschen zu schaffen. Das Ende dieser fanatischen Irreführung ist allseits bekannt. Sie endete in einer schrecklichen Katastrophe.

 

Seitdem ist es ruhig. Keine neue Ideologie hat das Volk beeinflusst. Kein neuer Führer tauchte bisher am Horizont auf. Doch seit geraumer Zeit breitet sich eine neue Religion aus, die die Arbeitswelt erfasst und mehr heimlich und leise durch die Hintertür kam. Es ist der religiöse Kapitalismus. Den hatte der Erfinder des klassischen Kapitalismus sicherlich nicht im Sinn als er 1776 sein Buch „Wohlstand der Nationen“ veröffentlichte. Es handelt sich um Adam Smith. Seine These war, dass das von Gott gegebene Selbstinteresse nur in Ausnahmefällen böse ist. Eigennutz ist der Motor des Handelns und ohne Eigenliebe gibt es keine freie Marktwirtschaft.

 

So verlockend diese Idee auch ist, die Basis ist falsch. Die menschliche Natur ist nicht gut. Das zeigte sich auch in der Anwendung seiner These. Man hielt den Arbeiter kurz. Nur wenig Lohn, lange Arbeitszeiten. Nur wer arm ist und hungert ist bereit zu arbeiten. So wollte Adam Smith es nicht.

 

In der Zwischenzeit hat der klassische Kapitalismus Veränderungen durchgemacht und so manche Krise gebracht, so zuletzt die Finanzkrise, die viele Nationen an den Rand des Ruins geführt hat.

 

In den größeren Unternehmen hat sich allerdings in der Mitarbeiterführung etwas getan. Es wurde eine „werteorientierte“ Führung ersonnen. In die Unternehmen eingebracht durch Mönche und spirituelle Meister. Schon die Person, die sich heute bewirbt, muss in diese Firmenphilosophie passen oder wenn nicht anders möglich passend gemacht werden.

 

Schließlich ist eine so geführte Firma eine Familie. Welch ein Missbrauch dieser Institution. In einer Firma geht es um ökonomische Verwertbarkeit und wenn die nicht mehr gegeben ist, dann ist man eben kein Familienmitglied mehr, man wird zu aller „Freude“ freigesetzt.

 

Gewinnorientiertes Handeln gehört nicht in eine Familie. Der Status ist doch egal. Ob arm oder reich, groß oder klein, handwerksorientiert oder akademisch. Das spielt in einer Familie keine Rolle. In der Firmenfamilie gibt es die Vielen, die den Mehrwert schaffen müssen für das gehobene Management und die Shareholder, die sich allerdings nicht zu dieser Familie zählen, den meisten unbekannt sind. Die Vielen sollen heutzutage Spaß und Sinn beim Erwirtschaften haben, nur kommt ihnen das nicht zugute. Der Spaß- und Zufriedenheitsfaktor soll sinkende Löhne und Gehälter ersetzen.

 

Die Wertschätzung und Zugehörigkeit wird wie ein Heilsversprechen behandelt. Nur was ist dieses Versprechen, diese Heilsverkündigung wert? Die echte Familie wird unter dem Zeitdruck der Arbeitenden zerrieben und ist nur noch ein zu managendes Projekt, sie ist nicht mehr identitätsstiftend. Die muss heute über die Arbeit erfolgen.

 

Diese modernen Managementtheorien wirken sich gemeinschaftsauflösend aus und führen in den Individualismus. Anerkennung holt man sich im Job. Familie, Kirche und Religion bieten keinen Halt mehr, sie sind für immer mehr Menschen blutleer. Diese Identifikation mit der Arbeit mag zwar den Verstand befriedigen aber die Seele leidet Schaden. Immer häufiger treten psychosomatische Störungen und Krankheiten auf. Der Verbrauch an Psychopharmaka nimmt stetig zu.

 

Gott wollte, dass wir sechs Tage arbeiten aber diese Arbeit niemals als sinnstiftend und wichtigsten Inhalt unseres Lebens betrachten. Wir verschieben hier die Prioritäten und müssen dafür seelisch leiden und richten unsere Gesundheit zugrunde. Die Arbeit ist kein Ersatz für den biblischen Gott. Wer sie an die Stelle Gottes setzt, zerstört das eigene Leben und mittelfristig die Gesellschaft.

 

 

 

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