Die besitz- und machtgierigen Weingärtner

von Hans-Erwin Schotten

 

Matthäus 21, 33 – 46: „Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandten er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holten. Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie. Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; und sie taten mit ihnen dasselbe. Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen! Und sie nahmen ihn und stießen ihm zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben. Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118, 22.23): „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen“? Darum sage ich euch: Das Reich

Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen. Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, daß er von ihnen redete. Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.“

Jesus ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Manche der Geschichten waren schwer verständlich aber da hatten seine Zuhörer ja immerhin die Gelegenheit nachzuhaken, denn Jesus war immer offen für Fragen.Seine Antworten waren häufig verblüffend bis schockierend aber sie entsprachen der Wahrheit. Diese Geschichte dagegen ist klar und durchsichtig. Die Angesprochenen begriffen sie sofort und wie des öfteren konnten sie Jesu Schlußfolgerungen nicht akzeptieren und schmiedeten weiter an ihren Mordplänen.
An der Oberfläche ist die Geschichte für damalige Ohren einfach und verständlich. Großgrundbesitzer gab es so einige in Galiläa und Judäa. Beliebt waren sie nicht gerade, besonders nicht in Galiläa, wo die Zeloten stark vertreten waren. Dort konnte es ab und zu schon mal zu einem lokalen Aufstand auch gegen die Großgrundbesitzer oder deren Pächter kommen. Die Eigentümer lebten meistens in den größeren Städten wie Alexandria, Antiochia oder Rom, um dort ihren Geschäften nachzugehen. Dieser hier in Jesu Geschichte legte einen neuen Weinberg an. Das war manchmal nicht so einfach, weil der Boden sehr steinig war. Ein Zaun musste sein, da es Diebe und wilde Tiere gab. Er bestand meistens aus einer Mauer oder Dornenhecke. Eine Kelter ist ein Muss. Sie wurde meistens in den steinigen Boden ausgehauen, denn irgendwo mussten die geernteten Weintrauben ja getreten werden, um den Most zu gewinnen.
 

 

Ein Turm hatte seine Vorteile. Er bot den Arbeitern Kühle und war gut für Wächter, damit diese einen besseren Überblick hatten. Soweit konnte jeder die Geschichte als eine Begebenheit aus der unmittelbaren Umgebung nachvollziehen. Verpachten war normal. Der Pachtzins betrug häufig nach altjüdischem Recht die Hälfte des Ertrages.
Nun bekommt die Geschichte allerdings ihren geistigen Hintergrund. Natürlich wollte Jesus nicht einfach zur allgemeinen Unterhaltung eine Geschichte zum Besten geben. Der vom Großgrundbesitzer Bevollmächtigte kam zur Erntezeit, um den vereinbarten Betrag abzuholen. Er bezog eine Tracht Prügel. Ein Eigentümer, der sehr gutmütig ist, kann das vielleicht noch hinnehmen und als persönliche Abrechnung betrachten. Nachdem sie aber den Nächsten getötet hatten, mussten seine Zuhörer endlich verstehen, dass Jesus hier von Gott als Eigentümer, Israels als Weinberg, die Pächter als die Verantwortlichen im Volk und die Geschlagenen und Getöteten als die Propheten Gottes sprach.
Die Pächter scheuten sich nicht einmal davor, den Sohn des Eigentümers zu töten also Jesus.
Was aber können wir aus dieser Geschichte lernen?

1. Gott ist außerordentlich geduldig. Wie oft und wie lange hat er Propheten geschickt, bevor er selbst handelte und strafte. Das ging über Jahrhunderte so und dann folgte oft die Strafe noch in Raten. Zuerst ging das nördliche Haus Israel in Gefangenschaft und Juda hatte noch über Hundert Jahre Zeit bevor es selbst in die Gefangenschaft ging. Nachdem Jesus getötet worden war, wartete Gott noch weitere vierzig Jahre bevor er Jerusalem und den Tempel zerstören und die Führungsschicht durch die Römer beseitigen ließ aber selbst dies geschah in Raten. Nach der Zerstörung Jerusalems gab es noch eine Chance zur Umkehr, die nicht genutzt wurde und erst die zweite Zerstörung Jerusalems durch den Bar Kochbar Aufstand 135 n.Chr. brachte das vollkommene Ende für die judäische Bevölkerung und deren Führungsschicht. Gott hatte sehr viel Geduld und er hat sie auch mit der Gegenwart nur sollte niemand diese Geduld falsch interpretieren als Desinteresse Gottes und sogar dahingehend, dass Gott gar nicht existieren würde. Die Überraschungen könnten dann ganz schön unangenehm werden.

2. Menschen sind einfach unwillig, auf Gott zu hören. Nach der ersten schlechten Tat, hier das Verprügeln des Bevollmächtigten, hätte eine Umkehr stattfinden sollen. Bekehrung ist wohl eines der schwersten Dinge, die ein Mensch vollziehen kann. Die alten Gedanken und Handlungen zu lassen, sich an Gott zu wenden, um Vergebung zu bitten und sich an ihn und seine Weisungen zu halten. Dies hätten die Pächter nach ihrer ersten Untat tun sollen. Sie haben es versäumt. Eine Umkehr wird aber immer schwieriger je weiter man sich in das Unrecht hinein begibt. Die zweiten Tat erschwerte die Bekehrung. Nun war es Mord, wer will das schon vor Gott offenherzig zugeben und dann noch umkehren? Jede neue abscheuliche Tat machte den Weg zurück zu Gott immer schwieriger, nicht weil Gott nicht vergeben könnte aber weil die eigene Abstumpfung und Unwilligkeit zunimmt. Die Bibel hat für diesen bekehrungsunwilligen Zustand mehrere Begriffe. Der eine ist der der Hartherzigkeit, im Griechischen „sklerokardia“. Sie kennen dies zusammengesetzte Wort. Skleros kennen sie von Arteriensklerose, die Verhärtung der Gefäßwände und Kardia von der Kardiologie, einer Abteilung im Krankenhaus, die sich mit dem Herzen befasst. Das Wort bezeichnet also Herzenshärtigkeit. Es ist der hartnäckige Ungehorsam. Gott kann noch so viel warnen, es geht nicht in den dicken Schädel. Der andere Begriff stammt schon aus dem ersten Buch Mose, Kapitel 3 und Vers 5. Das Problem, dass die Menschheit seit diesem Ausspruch plagt: „Ihr werdet sein wie Gott“. So war es auch damals mit der politischen und religiösen Führungsschicht in Juda. Die Herodianer, Sadduzäer und Pharisäer wollten auf keinen Fall ihre Macht verlieren. Sie wollten die Herren bleiben, die kleinen Götter auf ihren Minithronen und für diese Machtausübung waren sie bereit, Mord über Mord zu begehen. Macht kann einen Menschen charakterlich erheblich korrumpieren. Sie brachten Johannes den Täufer um und sie wollten unbedingt Jesus beseitigen.

Bekehrung, die Umkehr zu Gott, ihn als den alleinigen Herrscher zu akzeptieren, sich ihm zu unterstellen, von ihm geleitet zu sein, dass ist das große Problem für sie.
Der Mensch ist lieber selber Gott. Er will selber herrschen und wenn sein Herrschaftsbereich auch noch so klein ist.
Paulus sagte von sich, dass er gestorben sei und dass Jesus jetzt in ihm leben würde. Er war nicht mehr ein Herrscher, ein Gott für sich selbst, er lebte jetzt so, wie Jesus und der Vater es wünschten. Wer ist dazu bereit? Wer ist bereit, die eigenen Missetaten zu bekennen, zu lassen, sein eigenes Gott-sein-wollen aufzugeben und sich dem Gott der Bibel unterzuordnen? Irgendwann ist Gottes Geduld mit den menschlichen Göttern zu Ende wie Jesus auch ganz klargemacht hat in der Geschichte nur dann ist es für eine Umkehr zu spät. Bekehrung ist etwas für jetzt, für heute, für die Gegenwart. Morgen kann es schon zu spät sein.

 


 

 

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